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Forschungsstand

  • „The main uses of GenAI [by university students] are explaining concepts, summarising articles and suggesting research ideas, [and] includ[ing…] AI-generated text directly in their work.“ (Freeman 2025, 1)
  • Deutsch-Lehramtsstudierende nutzen generative KI vor allem zu pragmatischen Zwecken – etwa zum Klären von Definitionen, zum Vereinfachen von Erklärungen oder zur gezielten Vorbereitung auf Prüfungssituationen (Bach et al. 2025; Bernhardt et al. 2026)
  • Beim gemeinsamen Interpretieren von Lyrik mit generativer KI hängt der Verlauf der Gespräche möglicherweise stark vom Vorverständnis des literarischen Textes auf Seiten der Studierenden ab (Magirius & Scherf 2023).

Erwartungenshypothesen

Mit Blick auf den Vergleich von Peer-to-Peer- und Peer-to-AI-Chats über Lyrik in der Lehramtsausbildung erwarten wir,

  • dass Studierende in Dialogen mit KI überwiegend versuchen, Belege für ein verifizierbares Interpretationsergebnis anzuhäufen (Rosenblatt 1986, 124–125, übers.) \(\rightarrow\) efferente Haltung,

  • dass Studierende in Dialogen mit Peers den Text als Literatur verhandeln: „Instead of being tools for conveying meaning, texts are arenas for generating meaning“ (Corrigan 2019, 7). \(\rightarrow\) ästhetische Haltung

❓ Forschungsfrage

Inwiefern unterscheidet sich das Gesprächsverhalten von Lehramtsstudierenden in der Anschlusskommunikation zu zwei Gedichten, je nachdem, ob diese in dyadischen Chats mit einer Kommiliton:in oder mit einem Chatbot stattfindet?

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Studiendesign

Dyadische Chats: Beispiel für P2AI

Datenauswertung (Kuckartz 2018)

  • Deduktive Bildung von drei Hauptkategorien:
    1. Interaktion
    2. Bedeutung
    3. Metadiskurs
  • Induktive Ausdifferenzierung der Hauptkategorien am Material

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Epistemischer Modus


extraktiv-abfragend tentativ-hypothesengeleitet
1.1 Isolierte Frage 1.4 Verfolgen einer Hypothese
1.2 Beantwortung einer isolierten Frage 1.5 Tentative Bedeutungsgenerierung
 query = 1.1 + 1.2  hypo = 1.4 + 1.5


\[\text{Modus-Index} \;=\; \frac{\text{hypo} - \text{query}}{\text{hypo} + \text{query}} \;\in\; [-1,\,+1]\]

Epistemischer Modus: P2P vs. P2AI

U-Test, zweiseitig

Angenommen, man betrachtet zufällig gezogene Paare aus einem P2P-Chat und einem P2AI-Chat.
\(H_0\): Innerhalb eines Paares hat jeder der beiden Chats mit gleicher Wahrscheinlichkeit den höheren Indexwert.
\(H_1\): Die Wahrscheinlichkeit ist für beide nicht gleich.

U = 708,  p-value = 9.647e-07

r (rank biserial) |       95% CI
--------------------------------
0.73              | [0.54, 0.84]

Paare mit Modus(P2P) > Modus(P2AI): 86%

Verteilungen

Resultate im Überblick

Wir bilden wieder Paare jeweils aus einem P2P- und einem P2AI-Chat. Bei wie viel Prozent der Paare gewinnt das eine oder das andere Setting häufiger?

Grün heißt: Häufiger bei P2P-Chat.

Braun heißt: Häufiger bei P2AI-Chat.

Resultate im Überblick


(Nicht-)Wissen 89%
Bestätigen * 89%
Tentative Bedeutungsgenerierung ** 84%
Emotion im Text (nur Knabe im Moor) 79%
Expliziter Textbezug 70%
Deutung einzelner Textelemente 70%
Isolierte Frage 92%
Externer Kontext *** 69%
Gegenwartsbezug *** 64%
Gesamtdeutung des Textes * 50%, n.s.
Widersprechen **** 54%, n.s.

Qualitative Analyse

„Am Turme“ von Droste-Hülshoff (1842) – letzte Strophe

Wär ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
Und lassen es flattern im Winde!

Ein abweichender Fall

Beim reinen Zuhören habe ich das Gedicht erst so interpretiert, dass es vielleicht um Freiheit geht. Also dass ein Mensch an einem Anwesen […] fest sitzt […] Während des Lesens ist mir in der letzten Strophe aufgefallen, dass es wahrscheinlich mehr um eine Frau geht, die nicht an einem Ort festgehalten wird, sondern mehr in ihrer Rolle als Frau und sich deshalb in ihrem Rollenbild gefangen fühlt […]. Das Gedicht löst in mir ein Gefühl von Mitleid aus […].

Das ist eine sehr interessante Interpretation! Die Vorstellung von Freiheit und Gefangenschaft ist in diesem Gedicht wirklich stark präsent. Besonders die letzte Strophe hebt die Geschlechterrollen hervor […]. Wie empfindest du die Darstellung der Natur in diesem Gedicht? Glaubst du, dass sie eine Rolle in der Sehnsucht nach Freiheit spielt?

Da fällt mir gerade noch ein, den Wind kann man auch gut mit Freiheit assoziieren, denn den Wind gibt es ja nur draußen in der Natur und nicht innen in Räumlichkeiten. […]

Das ist ein spannender Gedanke! Der Wind als Symbol für Freiheit ist sehr passend, denn er bewegt sich frei und ungebunden durch die Welt. […]

Ich frage mich noch, wieso zwei mal das Thema mit den offenen Haaren aufgegriffen wird.

[…] Im Kontext des Gedichts könnte das Lösen der Haare ein Akt des Widerstands gegen die gesellschaftlichen Erwartungen und Einschränkungen sein, denen das lyrische Ich unterworfen ist. […]

Ja ich denke das passt ganz gut zu dem was ich auch erwartet habe, dass Außenstehende das natürliche Haar nicht sehen dürfen, sondern nur dass gebändigte Haar, das mithilfe von anderen Frauen zurechtgemacht wurde. […]

HD1_002_19.05.25

Qualitative Befunde

  • Hypothesengeleitete P2AI-Chats kommen im Sample durchaus vor.
  • In P2AI wird das Interpretieren vielfach an die KI delegiert.
  • Auch in P2P gibt es einen stark asymmetrischen Chat.
  • P2P-Chats sind deutlich homogener als P2AI-Chats.
  • Das Potenzial von Dissens verpufft durch stets affirmative KI.

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Limitationen

  • noch keine zweite Codierrunde \(\rightarrow\) keine Intercoder-Reliabilität gemessen \(\rightarrow\) Ergebnisse bleiben vorläufig
  • Reihenfolgeeffekte der beiden Gedichte noch nicht untersucht \(\rightarrow\) ein vollständiges Double-Crossover-Design würde zusätzliche Standorte erfordern
  • Die Instruktionen an die KI vor den Chats sollten optimiert werden.

Diskussion aus drei Perspektiven

  1. Man könnte mit Führer und Nix argumentieren, dass im Umgang mit LLM-basierten Chatbots besonders efferente Kommunikationsmodi auftreten (vgl. Führer/Nix 2023, 16f.) und Chatbots folglich keine zu ästhetischen Erfahrungen führende Unterstützung bieten.
  2. Passend zu Beobachtungen von Bach et al. (2025) und Bernhardt et al. (2026) wäre dagegen denkbar, dass kein notwendiger Zusammenhang zwischen Promptingverhalten und einem dem ästhetischen Gegenstand angemessenen Zugriff besteht. Der efferente Modus erleichtert oder ermöglicht dann den eigenen, eventuell ästhetischen Zugriff auf den literarischen Text.
  3. Analog zu Magirius und Scherf (2023) ließe sich die Heterogenität des P2AI-Setting mit Matthäus-Effekten erklären, d.h. KI würde dann je nach Lernvoraussetzung nicht nur dazu beitragen, dass eine tatsächlich gesprächsförmige Textauseinandersetzung ausbleibt (vgl. Magirius et al. 2024a: 22), sondern könnte umgekehrt auch ein dem ästhetischen Gegenstand angemesseneres Gesprächsverhalten unterstützen.

Literatur

Bach, F.; Bernhardt, S.; Reuvekamp, S. & Schmiedgen, N. (2025). SHIFT happens. In H.-G. Müller & M. Fürstenberg (Hrsg.), DeutschGPT – Deutschunterricht im Dialog mit Künstlicher Intelligenz (S. 87-105). Berlin: Frank & Timme.
Bernhardt, S.; Bach, F.; Koppenhöfer, A.-K. & Schmiedgen, N. (2026). Der digitale Federkiel. Studierendenseitige Nutzung eines tutoriellen LLMs und die Nutzungsprogression im Verlauf eines Semesters. Eine qualitativ-quantitative Studie. Medien im Deutschunterricht, 8(1), 1-19.
Corrigan, P. T. (2019). Threshold concepts in literary studies. Teaching & Learning Inquiry, 46, 1-17.
Freeman, J. (2025). Student Generative AI Survey 2025. Kortext, HEPI Policy Note 61, 1-12.
Führer, C. & Nix, D. (2023). Anschlusskommunikationen mit ChatGPT. Kann die Interaktion mit Künstlicher Intelligenz (KI) Schülerinnen und Schüler beim Verstehen literarischer Texte unterstützen? leseform.ch, 3, 1-22.
Köster, J. & Lindauer, T. (2008). Zum Stand wissenschaftlicher Aufgabenreflexion aus deutschdidaktischer Perspektive. Didaktik Deutsch, (13, 25), 148-161.
Kuckartz, U. (2018). Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Weinheim: Juventa.
Magirius, M.; Hesse, F.; G.Helm & Scherf, D. (2024). KI im Literaturunterricht: Chancen und Herausforderungen zwei Jahre nach der Veröffentlichung von ChatGPT. Der Deutschunterricht, 5, 14-23.
Magirius, M. & Scherf, D. (2023). Studierende interpretieren Gedichte mit ChatGPT – Chancen und Herausforderungen von KI-Tools im Lehramtsstudium Deutsch. Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes, (70.4), 406-415.
Rosenblatt, L. (1986). The aesthetic transaction. Journal of Aesthetic Education, 122-128.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!

Kontakt

Christina Wietig (PH Heidelberg)

Marco Magirius (Uni Erfurt)
social.tchncs.de/MMagirius
magirius.bsky.social
mail@marcomagirius.de

Sebastian Bernhardt (Uni Münster)

Die Folien finden Sie unter
www.marcomagirius.de und hier:

Bonusfolie

Instruktionen für den Chatbot (Auszug)

  1. Halte das Gespräch in Gang
    • Stelle Anschlussfragen.
    • Stelle keine Suggestivfragen.
    • Gib keine vollständigen Interpretationen – hilf dabei, selbst zu denken.
  2. Greife zentrale Themen auf
    • Nutze Motive wie Freiheit, Natur, Angst, Identität und Geschlecht.
    • Nutze kurze Zitate oder Bilder aus dem Text als Impulse.
  3. Sprich als Peer
    • Verwende klare, einfache Sprache – kein unnötiger Fachjargon. Halte deine Antworten kurz.
    • Ermutige immer wieder zur aktiven Beteiligung.
  4. Vermittle Wissen nur bei Bedarf
  5. Du prüfst kein Wissen – du eröffnest Denk- und Gesprächsräume.