Lernunterstützung in Unterrichtsgesprächen

Marco Magirius

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❓ Fragestellung

Welche Rolle spielten Thomas Zabkas Beiträge bei unserer Konzeption der Lernunterstützenden Gespräche?

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Zur Theorie Lernunterstützender Gespräche

Textgrundlage: Gedicht von
Martina Bick (aus Magirius und Steinmetz 2025)

Unter B in deinem Notizbuch
auf einem Zettel geschrieben
Martina anrufen
zwischen lauter anderen lieben Pflichten
ein fester Platz in deinem Leben
fest eingeordnet
fest eingegrenzt
festgelegt
fest geliebt

❓ Textbezogene Frage

Wie lässt sich die Beziehung beschreiben, die im Gedicht dargestellt wird?

Zur Identifikation
klärungswürdiger Fragen

Die Klärungswürdigkeit einer Frage bemisst sich an den Kriterien:

  1. Überprüfbarkeit,
  2. Klärungsbedarf,
  3. Strittigkeit.

1. Überprüfbarkeit

  • Beim Interpretieren wird einem Textelement oder dem Textganzen Bedeutung zugeschrieben (vgl. Zabka, 2008, 51f; 2005, Hermerén 1983, 254 sowie Magirius 2020, 119).
  • Interpretationen sind nur haltbar, wenn sie sich am Text bewähren (Føllesdal et al., 1988). Wenn sie sich am Text dagegen falsifizieren lassen, sind sie zu verwerfen (Eco 2008).

„Das Interpretationsgespräch hat […] nicht allein die Funktion, die Unabschließbarkeit der Sinnbildung erfahrbar zu machen. Vielmehr ist das Gespräch in vielen Fällen ein Weg, Fehl- und Überinterpretationen gemeinsam zu falsifizieren und den Bereich plausibler Deutungen positiv abzustecken.“ (Zabka 2015, S. 174)

1. Überprüfbarkeit

Definition 1

Eine Frage erfüllt genau dann das Kriterium der Überprüfbarkeit, wenn die Möglichkeit besteht, potenzielle Antworten anhand des Textes zu stützen, anzufechten oder gar eindeutig zu verifizieren oder zu widerlegen.

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Textbezogene Frage

Wie lässt sich die Beziehung beschreiben, die im Gedicht dargestellt wird?

2. Klärungsbedarf

Definition 2

Eine Frage erfüllt genau dann das Kriterium des Klärungsbedarfs, wenn der Drang, diese zu klären, von den Schüler:innen ausgeht oder die Klärung der Frage für das Textverständnis der Schüler:innen unerlässlich ist.

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Textbezogene Frage

Wie lässt sich die Beziehung beschreiben, die im Gedicht dargestellt wird?

3. Strittigkeit

„Interpretation beginnt, wo der Leser eine Entscheidung trifft: die Entscheidung, etwas, was nicht mehr eindeutig ist, so oder so zu sehen.“ (Matuschek 2013, 21)

Bei der Entscheidungfindung können verschiedene Elemente ausschlaggebend sein: Textsignale, (quasi-)logische Schlüsse, dafür in Anschlag gebrachte Regeln (vgl. Jannidis 2004, 79) sowie die mit der Bedeutungszuschreibung verbundenen Bedeutungs- und Interpretationskonzepte (vgl. Danneberg 1999, 101; 2008, 102).

„Mehrdeutigkeit als Effekt literarischer Darstellungsweisen kann als Abwesenheit von vermuteter und gesuchter Eindeutigkeit entdeckt und erkannt werden. Die Erkenntnis von Mehrdeutigkeit entsteht durch die Falsifikation von versuchter Disambiguierung. Eigenschaften, Elemente und Zusammenhänge eines Textes, die in der didaktischen Analyse textseitiger Herausforderungen (vgl. Zabka et al. 2022, 65–101) als unaufhebbar mehrdeutig erkannt wurden, können auf diese Weise zum Gegenstand der Entdeckung spezifisch literarischer Mehrdeutigkeit werden.“

„[…] Hingegen ist es irreführend, die Mehrdeutigkeit literarischer Texte pauschal zu unterstellen und die Lektüre von Schüler/innen a priori entsprechend zu steuern. Diese Gefahr besteht, wenn eine Lehrperson die undifferenzierte Geltung einer „Polyvalenzkonvention“ unterstellt oder eine Literaturtheorie vertritt, die Mehrdeutigkeit als generelle ontische Besonderheit von Literatur postuliert.“ (Zabka 2024, S. 13f)

3. Strittigkeit

Definition 3

Eine Frage erfüllt genau dann das Kriterium der Strittigkeit, wenn sie konkurrierende Antworten zulässt, die sich nicht als eindeutig richtig oder eindeutig falsch qualifizieren lassen.

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Textbezogene Frage

Wie lässt sich die Beziehung beschreiben, die im Gedicht dargestellt wird?

Klärungswürdigkeit

Definition 4

Eine Frage ist genau dann klärungswürdig, wenn sie überprüfbar ist sowie entweder strittig oder klärungsbedürftig oder beides.

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„[Es gibt] – unabhängig von der gesprächsförderlichen Haltung – passende und weniger passende Impulse […], deren Einsatz eine durchaus technisch zu nennende Wahrnehmung und Deutung der schülerseitigen Verstehensprobleme und Interpretationsinteressen sowie ein Wissen um situativ angemessene und förderliche Impulsformen voraussetzt.“ (Zabka 2015, S. 181)

Magirius und Steinmetz (2025, S. 51):

“Falls es Ihnen schwerfällt, Argumente dafür zu finden, warum es sich im Text um eine (un-)glückliche Beziehung handelt, helfen Ihnen die folgenden Fragen:

  • Warum steht die Absicht, „B“ anzurufen, auf einem „Zettel“ in einem „Notizbuch“? […]
  • Von welchen Pflichten ist im Gedicht die Rede? […]
  • Warum wird „fest“ so häufig wiederholt?”

Zu Unterschieden zwischen Gesprächsimpulsen und Aufgabenstellungen siehe Zabka (2020)

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Lernmedium und Lernform (Zabka 2015)

Lernmedium Lernform
Gespräch als
Lerninstrument
Gespräch als
Lerngegenstand

„Elaborierte Auslegungsdiskurse in der Wissenschaft, im Journalismus, unter Künstlern und anderen Experten, aber auch in Gesprächen von Liebhabern leben davon, dass die Teilnehmer/innen die Texte mit emotionaler Beteiligung in der eigenen, vom Alltagswissen geprägten Vorstellung inszenieren und auf die jeweilige historische und soziale Gegenwart anwenden können.
[…]
Umgekehrt muss ein expressiver und intersubjektiver Austausch missglücken, wenn die Konversation immer dann abbricht oder das Thema wechselt, wenn die Fähigkeit fehlt, die intersubjektiven Unterschiede geäußerter Emotionen, Vorstellungen, Wertungen und Bedeutungszuweisungen interpretativ zu klären.” (Zabka, 2015, S. 172)

Ende

Literaturverzeichnis

Danneberg, L. (1999). Zum Autorkonstrukt und zu einem methodologischen Konzept der Autorintention. In F. Jannidis, G. Lauer, M. Martinez, & S. Winko (Hrsg.), Rückkehr des Autors. Zur Erneuerung eines umstrittenenen Begriffs (S.77-105). Tübingen: Niemeyer.
Eco, U. (1987). Streit der Interpretationen. In T. Kindt & T. Köppe (Hrsg.), Moderne Interpretationstheorien. Ein Reader (S.31-48). Konstanz: Philo Verlagsgesellschaft (zit. Ausg.: Kindt, T. & T. Köppe 2008).
Føllesdal, D.; Walløe, L. & Elster, J. (1988). Rationale Argumentation. Ein Grundkurs in Argumentations- und Wissenschaftstheorie. Berlin: De Gruyter.
Fritzsche, J. (1994). Zur Didaktik und Methodik des Deutschunterrichts. Umgang mit Literatur (Bd. 3). Stuttgart: Klett.
Gölitzer, S. (2008). Wozu Literatur lesen? Der Beitrag des Literaturunterrichts zur literarischen Sozialisation von Hauptschülerinnen und Hauptschülern. Institut für deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik.
Härle, G. (2014)... und am Schluss weiß ich trotzdem nicht, was der Text sagt. Grundlagen, Zielperspektiven und Methoden des Literarischen Unterrichtsgesprächs. In M. Steinbrenner, J. Mayer, B. Rank, & F. Heizmann (Hrsg.), Seit ein Gespräch wir sind und hören voneinander. Das Heidelberger Modell des Literarischen Unterrichtsgesprächs in Theorie und Praxis (2. Auflage, S.29-66). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Härle, G. & Steinbrenner, M. (2014a). Das literarische Gespräch im Unterricht und in der Ausbildung von Deutschlehrerinnen und -lehrern. In G. Härle & M. Steinbrenner (Hrsg.), Kein endgültiges Wort. Die Wiederentdeckung des Gesprächs im Literaturunterricht im Literaturunterricht (S.1-24). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Härle, G. & Steinbrenner, M. (Hrsg.) (2014b). Kein endgültiges Wort: die Wiederentdeckung des Gesprächs im Literaturunterricht (3. Auflage). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Harwart, M.; Sander, J. & Scherf, D. (2020). Adaptives Lehrerhandeln. Zu Modellierung, Nachweis und Wirkung eines potenziellen Qualitätsaspekts gesprächsförmigen Literaturunterrichts. In F. Heizmann, J. Mayer, & M. Steinbrenner (Hrsg.), Das literarische Unterrichtsgespräch (S.255-276). Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Harwart, M. & Scherf, D. (2018). Vielleicht muss man aber auch so damit leben können und es aushalten. Zur Bedeutung des Lehrerhandelns in schulischen ästhetischen Rezeptionsprozessen. In D. Scherf & A. Bertschi-Kaufmann (Hrsg.), Ästhetische Rezeptionsprozesse aus didaktischer Perspektive (S.149-163). Weinheim: Juventa.
Heins, J. (2018). Was sind typische Problemsituationen im Literaturunterricht? Ein Rahmenmodell zur Systematisierung von Unterrichtssituationen für die Entwicklung von Vignetten. Didaktik Deutsch, 44, 27-43.
Heizmann, F. (2018). Literarische Lernprozesse in der Grundschule. Eine qualitativ-rekonstruktive Studie zu den Praktiken und Orientierungen von Kindern in Literarischen Unterrichtsgesprächen über ästhetisch anspruchsvolle Literatur. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Hermerén, G. (1983). Interpretation. Typen und Kriterien. Grazer Philosophische Studien, (19), 131-161.
Jannidis, F. (2004). Figur und Person. Berlin: de Gruyter.
Magirius, M.; Scherf, D. & Steinmetz, M. (2021). Lernförderliche Gespräche im Literaturunterricht. Zur Identifikation klärungswürdiger Fragen und lernunterstützenden Lehrerhandelns. Leseräume, 7(8).
Magirius, M.; Scherf, D. & Steinmetz, M. (2023a). Unterrichtliches Handeln mit Literatur (in der Sekundarstufe I): Didaktische Konzepte, schulische Praxis. kjl&m, (4/23), 76-83.
Magirius, M.; Scherf, D. & Steinmetz, M. (2023b). Instructive Dialogues on Literary Texts. A Framework for Dialogic Teaching promoting High-Level Comprehension in the Literature Classroom. L1 – Educational Studies in Languages and Literature, 1-27.
Magirius, M.; Scherf, D. & Steinmetz, M. (2024a). Unterrichtsgespräche über Literatur. Bielefeld: UTB.
Magirius, M.; Scherf, D. & Steinmetz, M. (2024b). Mehrdeutigkeit im Literaturgespräch gelingend bearbeiten: Beobachtungen zum Unterricht zu „Scherbenpark“ in vier Lerngruppen der Sekundarstufe I. Leseräume, 11(10), 1-19.
Magirius, M. & Steinmetz, M. (2025). Streitgespräche mit dem Meisterleser – Mit ChatGPT auf das Schreiben interpretierender Texte vorbereiten. Praxis Deutch, (307), 44-49.
Mayer, J. (2017). Wege literarischen Lernens: Eine qualitativ-empirische Studie zu literarischen Erfahrungen und literarischem Lernen von Studierenden in literarischen Gesprächen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Merkelbach, V. (1995). Also die Geschichte ist doch etwas kompliziert. Nachts schlafen die Ratten doch von Wolfgang Borchert in einer 6. Realschulklasse. In H. Christ, E. Fischer, C. Fuchs, V. Merkelbach, & G. Reuschling (Hrsg.), Ja aber es kann doch sein ... . In der Schule literarische Gespräche führen. (S.129-149). Frankfurt am Main: Peter Lang.
Olsen, R. (2011). Mut zur Lenkung: neosokratische Impulse beim Reden über Kunst (nebst Anmerkungen zum Heidelberger Modell). In J. Kirschenmann, C. Richter, & Kaspar H. Spinner (Hrsg.), Reden über Kunst. Fachdidaktisches Forschungs-symposium in Literatur, Kunst und Musik (S.163-180). München: kopead.
Pieper, I. (2016). Literarische Gespräche im Literaturunterricht: Das Vorlesegespräch. In E. F. Roose H. AND Schwarz (Hrsg.), Da muss ich dann auch alles machen, was er sagt. Kindertheologie im Unterricht (S.75-93).
Pieper, I. & Scherf, D. (2019). Was ist der Text? Beobachtungen zu Bronskys Scherbenpark in einer neunten Gymnasialklasse. In C. Bräuer & N. Kernen (Hrsg.), Aufgaben- und Lernkultur im Deutschunterricht. Theoretische Anfragen und empirische Ergebnisse der Deutschdidaktik (S.137-154). Frankfurt am Main: Peter Lang.
Rosebrock, C. (2018). Strategien des ästhetischen Lesens. Literarisches Lernen in rezeptionsästhetischer Perspektive. In D. Scherf & A. Bertschi-Kaufmann (Hrsg.), Ästhetische Rezeptionsprozesse in didaktischer Perspektive (S.14-28). Weinheim: Juventa.
Rosebrock, C. (2019). Eine literarische Lesehaltung einnehmen, demonstrieren, entwickeln. Baustein der literaturdidaktischen Professionalisierung. Didaktik Deutsch, 46(24), 32-46.
Spinner, K. H. (1992). Sokratisches Lehren und die Dialektik der Aufklärung. Zur Kritik des fragend-entwickelnden Unterrichtsgespraechs. Diskussion Deutsch, 23(126), 309-321. gedruckt.
Strasen, S. (2017). Literaturwissenschaftliche Rezeptionsforschung. Auf dem Weg von der Produkt- zur Prozessästhetik. Der Deutschunterricht, 3, 19-27.
Wiprächtiger-Geppert, M. (2009). Literarisches Lernen in der Förderschule. Eine qualitativ-empirische Studie zur Rezeptionskompetenz von Förderschülerinnen und –schülern in Literarischen Unterrichtsgesprächen. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.
Zabka, T. (2008). Interpretationsverhältnisse entfalten. Vorschläge zur Analyse und Kritik literaturwissenschaftlicher Bedeutungszuweisungen. Journal of Literary Theory, 2(3), 51-69.
Zabka, T. (2012). Didaktische Analyse literarischer Texte. Theoretische Überlegungen zu einer Lehrerkompetenz. In D. A. Frickel, C. Kammler, & G. Rupp (Hrsg.), Literaturdidaktik im Zeichen von Kompetenzorientierung und Empirie. Perspektiven und Probleme (S.139-162). Freiburg im Breisgau: Fillibach.

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